Distance Caregiving: Pflege auf Entfernung

In Kürze: Frau, 86 Jahre, wohnhaft in Österreich.
 4 erwachsene Kinder - 3 davon leben im Ausland.
 Über ein ausgeklügeltes System zur Betreuung von Angehörigen über geografische Distanzen hinweg.

Ich bin diplomierte Krankenschwester, wie man früher sagte, Diplom 1977. Jetzt bin ich Pflegeexpertin mit MAS und Masterabschluss, spezialisiert auf chronische Krankheiten und auf Alterspflege allgemein. Ich arbeite zu 100% in einem international tätigen Unternehmen im Medizinbereich, dessen Mitbegründerin ich bin. Ferner bin ich Vorstandsmitglied bei einer Europäisch tätigen NGO im Altersbereich in Brüssel und unterrichte an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich. Kurzum: es wird mir selten langweilig.

Pflege und Betreuung aus Nähe und Distanz

Ich habe drei jüngere Geschwister. Geboren und aufgewachsen sind wir in Österreich. Eine Schwester wohnt mit ihrer Familie noch immer dort. Der Bruder und die andere Schwester leben so wie ich im Ausland. 1974 ging ich nach Zürich, um meine Ausbildung als Pflegefachfrau zu beginnen. Vor rund einem Jahr zog ich von dort ins Sankt Galler Rheintal, um näher bei unserer Mutter sein zu können. Warum?

Unsere Mutter ist 86 Jahre alt. Sie wohnt im Osten von Österreich. Sie leidet an eingeklemmten Bandscheiben in der unteren Wirbelsäule sowie an den Folgen eines unentdeckten Herzinfarktes vor vielen Jahren. Sie lebt zu Hause, braucht aber Begleitung und Unterstützung im Alltag – vor allem auch Gesellschaft und etwas zu tun. Bei Kontakten mit medizinischem Fachpersonal und bei akuten gesundheitlichen Krisen spielt die familiäre Unterstützung eine wichtige Rolle. Alle vier Geschwister und auch die vier erwachsenen Enkel sind darin eingebunden. Und das geht so:

Familiäre Rollenverteilung

Unsere Mutter hat meiner Schwester und dem Schwager vor Ort mit ihren Kindern, darunter Zwillinge, viel geholfen als sie klein waren. Darum hat sich meine Schwester mit Familie stets viel um unsere Mutter gekümmert. Erst als im Alter von 83 Jahren die ersten gesundheitlichen Fragen auftauchten, kam ich so richtig ins Spiel. Ich beriet am Telefon, ermutigte sie, den Hausarzt zu wechseln, liess mir Röntgenbefunde schicken und durch Kollegen in Zürich neu beurteilen.

Meine andere Schwester aus England ruft jede Woche an und kommt mehrmals im Jahr zu Besuch mit ihrer Familie. Mein Bruder ist viel unterwegs. Wann immer er kommen kann, kocht er für sie, macht Ausflüge und kleinere Reparaturen im Haus.

Im Kreise der Familie
Im Kreise der Familie

 

In den Jahren der Pflege hat sich unter uns Geschwistern und unseren erwachsenen Kindern, die teilweise noch im Studium sind, eine gute Kommunikation entwickelt. Ich mache das Medizinische aus der Ferne, die anderen die Transporte, Termine und, vor allem, das Soziale. Sie schauen vorbei, mähen den Rasen, leisten Gesellschaft.

 

Das liebe Geld

Letztes Jahr musste ein Herzschrittmacher her. Ich ging mit ins Spital zur Operation, koordinierte die medizinischen Behandlungen und die Nachsorge mit dem Hausarzt. Mein Schwager kennt als Politiker das Sozialwesen gut und half mit, die Kosten und Pflegegeldfragen zu klären. Er organisierte auch einen Rehabilitationsaufenthalt. In dieser Zeit bauten wir die Wohnung um: Statt Badewanne eine Dusche, eine neue Waschmaschine, einen neuen TV undsoweiter. Das machte meine Schwester mit Familie vor Ort.

Die Kosten teilten wir unter den entfernteren Geschwister auf – diejenigen vor Ort trugen die Arbeit bei. So sind alle Leistungen gleichwertig. Meine Schwester vor Ort führt übrigens generell die Buchhaltung über die Ausgaben und Leistungen. Bei Bedarf fordert sie wieder einen Beitrag ein. Das war unserer Mutter zu Beginn nicht recht. Aber auch die Enkel, die schon verdienen, wollten gern mitzahlen. Sie möchten ihrer Oma so etwas zurückgeben von dem, was sie ihnen in der Jugend gegeben hat: bedingungslose Liebe und Zuneigung. Wir alle finden diese Pflegeaufgaben zutiefst sinnvoll und befriedigend. Sie bringen uns als Familie über die Generationen hinweg zusammen und die Aufgaben sind auf möglichst viele Schultern verteilt.

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Generationelle Fortbewegungsmittel

 

Kommunikation ist wichtig. Technologie unentbehrlich

Wir haben über die räumliche Distanz gelernt, uns gegenseitig auf dem Laufenden zu halten – WhatsApp sei Dank. Unsere Mutter würde zwar selber nie ein Smartphone anrühren. Aber wir schicken uns untereinander Fotos und zeigen sie ihr. Einer der Enkel ist in eine Wohnung gegenüber eingezogen, sodass er täglich hinüberschauen, die Medikamente richten und den Blutdruck messen kann. Dieser wird auf Dropbox in eine Excelliste eingetragen, so dass ich den Verlauf beurteilen kann. Wenn der Blutdruck schwankt, rufe ich sie an, frage nach dem Befinden und rede mit dem Hausarzt. Der Hausarzt ist fester Bestandteil des Teams. Enkelin Eva geht für sie einkaufen und wiegt sie einmal die Woche, da „Oma“ in der Krise mit dem Herzen viel Gewicht verloren hatten. Auch hier schaue ich online, ob es stabil bleibt. Für die Dropbox mussten wir die Erlaubnis von ihr einholen, da das Arztgeheimnis natürlich nicht unbedingt gewahrt ist. Doch ihr geht die Sicherheit vor Datenschutz.

Gewichtsliste Excel
Gewichtsliste in Excel

Unsere Mutter ist angewiesen, mich bei gesundheitlichen Fragen sofort anzurufen. So war sie vor kurzem besorgt wegen eines Blutergusses am Unterschenkel. Sie ist ja blutverdünnt. Ich rief den Enkel-Nachbarn an, er machte ein Foto auf dem iPad, schickte es mir und ich konnte feststellen, dass es nichts Schlimmes war. Ich rief die Mutter wieder an und sagte ihr, wie sie die Beine pflegen muss. Ich meldete den “Befund” an meinen Schwager weiter und besprach mit ihm das weitere Vorgehen bezüglich der Überwachung der Blutverdünnung und der Therapie ihres Rückens, da sie nicht mehr operieren will.

Es ist eine Kombination von Online-Dokumentation und direkter Kommunikation: wir rufen uns bei Bedarf jederzeit an.

Ja, man darf auch mal wütend werden

Wie neulich, als Oma, ohne mich anzurufen, ihre Schmerzmittel falsch einnahm und sie furchtbare Nebenwirkungen spürte. Ich erfuhr davon erst, als ich wegen einen geplanten Besuchs anrufen musste. Da wurde ich recht wütend auf sie. Schliesslich hat sie ja die beste Beratung einer Fachperson durch mich rund um die Uhr zur Verfügung. Doch auch das darf sein, unsere Mutter ist keine hilfsbedürftige Person, die Pflege „empfängt“, sondern eine selbstverantwortliche Person, die auch mal einen Fehler macht und mit den Konsequenzen (in diesem Fall meinem Zornausbruch) leben kann. Ich rief sofort meinen Schwager an, Oma sah den Fehler dann auch ein. Wir sprechen uns immer wieder ab, damit es nicht zu viel wird für eine Familie. Und wenn Oma wieder mal ein Stimmungstief hat und es an der Familie vor Ort „auslässt“, dann unterstützen wir uns am Telefon gegenseitig. Auch das bringt uns wieder zusammen.  

Sicher, manchmal möchte man am liebsten sofort alles stehen und liegen lassen und losfahren. Ohne die Verwandten vor Ort würde unser Betreuungsnetzwerk nicht so funktionieren. Doch umgekehrt eben auch nicht. Und so spielt in unserem Pflegenetzwerk jeder seine eigene, wichtige Rolle – ob vor Ort oder aus der Ferne.

Diskutieren Sie mit!

  • Was sind Ihre Erfahrungen mit „Pflege-Kommunikation“?
  • Was für Lösungen haben Sie gefunden, um entfernt lebenden Verwandten oder Freunden trotzdem nah sein zu können?
  • Was halten Sie von „Online-Pflegekommunikation“?

Ich freue mich sehr über Ihren Kommentar.

Mehr erfahren

Dieser Blog als Video

Forschungsprojekt von Careum Forschung «Distance Caregiving»

Bischofberger, I., Franke, A., Otto, U., & Schnepp, W. (2017). Pflegebedürftige Angehörige aus Distanz unterstützen: Zwei Fallstudien. Pflege & Gesellschaft, 22(1), 84–93.

Bischofberger, I., Otto, U., & Franke, A. (2015). Distance Caregiving: Wie Angehörige ihre pflegebedürftigen Nächsten unterstützen können. Competence, 79(3), 28–29.

Bischofberger, I. (2011). Angehörige als wandelnde Patientenakte – Ausgewählte Ergebnisse aus einem Projekt zur Klärung der Rolle der AngehörigenCare Management 4, 27 – 29.

Bischofberger, I., Eyers, I. & Merzeder, C. (2013). Eden at Home® Program Interventions – Strengthening and expanding elders’ social networks in home care and job satisfaction among professional caregivers. Pilot project in Vienna, Austria, involving families and private home-care agencies. Culture Change in Long Term Care – 2nd Edition – Getting down to business, II.

5 thoughts on “Distance Caregiving: Pflege auf Entfernung

  • 2016-09-22 at 21:02
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    Wir haben unser Haus in Hannover behindertengerecht gebaut um meine damals 81jährige Mutter bei Bedarf hier aufzunehmen zu können, als sie 83 war, war es so weit, sie stürzte immer wieder und die Wohnung im Schwarzwald alleine ging nicht mehr, dachten wir. So zog sie mit 83 in einem körperlich rel. schwachen Zustand in die Dachwohnung bei uns mit Aufzug breiten Türen, behindertengerecht. Alleine die Möglichkeit des Familienanschlusses liess sie aufblühen. Heute ist sie 88 lebt relativ autonom in ihrer Wohnung, nur bei Kleinigkeiten wie schwerer Einkauf ec will sie Unterstützung, Sie hat an Gewicht wieder zugelegt und sie geht vier mal die Woche mit Rollator2 km in ein Seniorenstift und gibt dort Töpferkurse 1 mal bei “fitten Alten” und einmal in der Demenzgruppe. sie hat wieder begonnen zu flöten trotz Athritis in den Händen in einem Quartett und tritt auch auf. Neulich kam sie mit einem Buch nach Hause, von Sarah Wagenknecht (Politikerin): “Reichtum ohne Gier” der Titel hätte sie angesprochen und sie müsse sich doch politisch bilden, weil die Alten sie manchmal fragen würden, was man heute noch wählen könne…die Autorin wäre zwar nicht ihre Partei aber solch ein Titel, klasse! Wir dachten wir nehmen sie hier auf und es ginge abwärts, aber nein sie ist für ihr Alter wieder topfit, einfach nur weil wir als “Notnagel” da sind, auch wenn wir sie oft tagelang nicht sehen…weil sie hier inzwischen viele Freunde hat.

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  • 2016-09-23 at 07:37
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    Liebe Dorothee, vielen Dank für diese berührende Geschichte! Sie zeigt klar auf, wie wichtig das soziale Umfeld ist. Was mich beeindruckt hat ist die Tatsache, dass bei zunehmender Selbständigkeit der Mutter die Beanspruchung der Angehörigen abnimmt! Und wahrscheinlich sind das “Erfolgserlebnis” und die erfahrene Erfüllung unbezahlbar. Danke für den Kommentar!

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  • 2016-09-28 at 10:29
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    Vielen Dank für Ihre wunderbare Geschichte wie man als Familie im Team die Pflege und das “Kümmern” auf Distanz mit Liebe, Organisationstalent, Phantasie und Technik für alle Beteiligten für die überwiegende Zeit auch zufriedenstellend organisieren kann – Sie haben natürlich Recht, auch wütend muss man mal sein dürfen. Den Luxus, dass die Eltern um die Ecke wohnen, haben längst nicht mehr alle erwachsenen Kinder.
    Wir brauchen noch viel mehr Beispiele und Geschichten wie man Hürden/Probleme in solchen Pflege-Fernbeziehungen umschiffen und abbauen oder sogar präventiv vorbeugen kann – damit dann auch alle Beteiligten im gleichen (Pflege-) Boot sitzen.

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  • 2016-09-28 at 15:04
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    Vielen Dank liebe Birgit, für Ihren Kommentar. Es stimmt, Angehörige sind Experten auf ihre Weise und unsere Beispiele sollen wirklich ermutigen, nachzumachen, was geht. Wir sind sehr gespannt auf mehr Geschichten, was funktioniert und was nicht, high-tech oder low-tech, in der Nähe oder von Ferne, nur so können wir, so wie Dorothee erzählt (Kommentar oben), den Jahren mehr Leben geben, unsere Angehörigen haben es verdient, und wir- ja wir auch, ich gehöre zur “nächsten” Generation von potentiellen Pflegeklienten oder wie immer man uns dann nennen mag. Herzliche Grüsse, Christine

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  • 2016-09-30 at 09:39
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    Vielen Dank Christa für deinen Blog! Ich kenne dich nun bereits seit mehr als 20 Jahren, und du beeindruckst mich immer wieder mit deiner Fähigkeit, Entwicklungen der modernen Welt mit traditionellen Werten zu verbinden, so auch jetzt mit deiner Erzählung zu den technik-gestützten Familienbeziehungen. Damit weckst du hoffentlich die Experimentierfreude mancher Familien, die über den Globus verstreut leben. Deine authentisch geschilderte Familiensituation ist ein Fundus an Ideen für Angehörige und Hinweisen für Fachleute. Und natürlich ist der Blog auch eine Inspiration für unser Distance Caregiving Projekt (DiCa), das wir mit Birgit (siehe Kommentar oben) und ihren Kolleginnen zurzeit durchführen und für die Schweiz in einem weiteren Projekt noch weiter ausbauen werden. Denn auch innerhalb der kleinflächigen Schweiz mit den guten Verkehrsbedingungen ist Distance Caregiving durchaus ein Thema.

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