Uber in der Pflege

In Kürze: Gibt es bald spontan verfügbare Entlastung für pflegende Angehörige per Mausklick?
Werden sich Vermittlungsplattformen wie «Uber» und «Airbnb» im Gesundheitswesen durchsetzen?
So könnte es zukünftig aussehen, wenn sich digitale Vermittlungsplattformen im Gesundheitswesen durchsetzen.

Stellen Sie sich vor: Es ist Freitagabend. Die letzten zwei Wochen haben Sie sich fast ausschliesslich um Ihre Mutter gekümmert. Sie ist an Demenz erkrankt und braucht ständige Betreuung und Begleitung im Alltag.

Langsam spüren Sie, wie Sie nicht mehr können. Es fehlt Ihnen an Geduld und an Kraft, um den Bedürfnissen Ihrer Mutter gerecht zu werden. Sie sehnen sich nach einem freien Tag, nach ein paar Stunden nur für sich und Ihre eigenen Bedürfnisse. Was tun?

Sie nehmen Ihr Smartphone, loggen sich auf einer Plattform ein und senden mit wenigen Klicks eine Anfrage an Frau S.

Diese ist Pflegehelferin und bietet ihre Dienste über eine dieser Plattformen an und:

  • kann ihre Arbeitszeit frei einteilen,
  • hat eine Haftpflichtversicherung,
  • erhält regelmässig Anfragen von Hilfesuchenden und
  • kann Personen wie Ihre Mutter auch über einen längeren Zeitraum begleiten.

Frau S. antwortet innerhalb weniger Stunden.

Sie hat Zeit und wird sich am Sonntagnachmittag um Ihre Mutter kümmern. Nun können Sie sich endlich eine Auszeit gönnen.

Uberisierung in der Pflege und Betreuung

Bisher eher in Form von e-Health und Active and Assisted Living (technikunterstütztes Älterwerden), zeigt das Beispiel die nächste Stufe der Digitalisierung der Gesellschaft.

So könnten Entlastungsdienste für pflegende Angehörige oder auch Pflege und Betreuung in der Schweiz schon bald aussehen.

In Deutschland ist sie bereits Realität. Die «Uberisierung» ist nicht nur bei Taxi-/Fahrtdiensten, sondern auch in der Pflege und Betreuung angekommen.

Welche Bedeutung hat diese Entwicklung für die zukünftige Versorgung der Schweizer Bevölkerung?

Viele von uns kennen und nutzen sie: Plattformen wie «Airbnb» oder «Uber». Als Reisende buchen wir über «Airbnb» eine Unterkunft. Umgekehrt können wir direkt über die Plattform ein gerade leerstehendes Zimmer oder eine Wohnung anbieten.

Mit «Uber» funktioniert es ähnlich. Spontane Fahrten durch Privatpersonen mit meist günstigeren Preisen als professionelle Taxiunternehmen. Solche Plattformen boomen. Sie stehen mittlerweile aber auch stark in der öffentlichen Kritik.

Die Ursprünge solcher Plattformen liegen in der «sharing economy»-Bewegung. Dabei ging es ursprünglich darum, Güter gemeinschaftlich zu nutzen. Mit diesem Grundgedanken haben aber viele der Plattformen nur noch wenig zu tun. Es geht vielmehr um die kommerzielle Vermittlung von Dienstleistungen (Schmidt 2017).

Was verbindet «Airbnb» und «Uber»?

Beides sind sogenannte digital-matching Plattformen.

Das bedeutet, dass eine digitale Plattform Anbieter und Empfänger der Dienstleistung zusammenbringt. Um viele Informationen effizient zu verarbeiten werden viele Prozesse automatisiert (z.B. mit einem Algorithmus).

Ein Beispiel wie das funktioniert ist das «matching». Anhand meiner Präferenzen, werden mir die passendsten Anbieter/Personen vorgeschlagen (z.B. bei Datingplattformen). Im Gegensatz dazu gibt es Plattformen, bei denen das Angebot mit Filterfunktionen eingeschränkt werden kann (z.B. Airbnb).

Die ausgeführte Tätigkeit wird «Gigwork» genannt (vom engl. Wort «Gigs» = kurze Dienstleistungen).

Die Dienstleistung wird an einem bestimmten Ort zu einem be­stimmten Zeitpunkt ausgeführt. Eine spezifische Person ist persönlich für die Aus­führung des Auftrags verantwortlich. Neben Airbnb und Uber fallen auch Haushalts- und persönliche Dienste in diese Kategorie des „Gigwork“ (Schmidt 2017).

Die Bandbreite der vermittelten Dienstleistungen ist gross. Die Möglichkeiten reichen von Bildung, Hundesitting, Fitness bis zur Nutzung von Drohnen oder Privatjets.

Eine anschauliche Übersicht finden Sie hier.

Brauchen wir «Uber in der Pflege» überhaupt?

Zurück zu unserem Beispiel: Welche anderen Entlastungsmöglichkeiten hätten Sie nutzen können?

  1. Gibt es eventuell Angehörige, die kurzfristig einspringen könnten? Diese Option bietet sich aber nur, falls jemand in der Nähe wohnt. Da erwachsene Kinder heutzutage oft weit entfernt von ihren Eltern wohnen, wird diese Möglichkeit durch die Entfernung erschwert (mehr zum Thema «Pflegen auf Distanz» im Blogbeitrag Distance Caregiving: Pflege auf Entfernung oder hier).
  2. Vielleicht haben Sie aber auch Kontakt zu einem Freiwilligendienst, zur Nachbarschaftshilfe, Zeitvorsorge oder ähnliches? Unter Umständen findet man so auch eine geeignete Person, die am Wochenende kurzfristig einspringt. Aber: Solche Angebote müssen in der Regel einige Tage im Voraus geplant werden.
  3. Ähnlich verhält es sich mit professionellen Entlastungsdiensten oder der Spitex. Auch hier können die Dienste in der Regel nicht innerhalb weniger Tage oder Stunden organisiert werden. Selbst im Notfall dauert es etwa 3-5 Tage, bis eine geeignete Entlastung gefunden werden kann.

Fazit: Häufig können weder die informelle Arbeit von An- und Zugehörigen, noch Freiwilligenarbeit oder Berufsarbeit kurzfristig organisiert werden. Es braucht also Alternativen – wie z.B. Plattformen à la Uber & Co.

Beispiele aus dem Ausland

Im Ausland haben sich Plattformen zur Vermittlung von Pflege- und Betreuungsaufgaben bereits etabliert. Aber auch in der Schweiz gibt es schon erste Bestrebungen.

Deutschsprachiger Raum:

Beispiele aus den USA:

Wie funktioniert Uber in der Pflege?

Wie aber funktioniert ein Erstkontakt in der Praxis, von der ersten Anfrage bis zum ersten Einsatz? In der Regel funktioniert das digitale Matching von Pflegepersonen folgendermassen:

  1. Zu Beginn gibt es ein Erstgespräch, bei dem der Pflege- oder Unterstützungsbedarf des Betreffenden geklärt werden (z.B. bei Veyo Pflege).
  2. Anhand des Bedarfs und weiterer Kriterien werden Pflegepersonen aus der näheren Umgebung (automatisch) vorgeschlagen.
  3. Der/die Hilfesuchende kann sich nun eine Pflegeperson aussuchen und diese unverbindlich kennenlernen. Mit diesem so genannten «matching» sollen möglichst passende Personen vermittelt werden.

Die Grafik unten illustriert die obigen 3 Schritte.

Digitales matching Pflegepersonen, Source: Canva/Svec Goetschi
Digitales matching von Pflegepersonen, Source: Canva/Svec Goetschi


Auf der Waagschale: Vorteil und/oder Risiko?

Digitales Matching im Pflegebereich bietet neue Chancen. Es kann aber auch eine kritische gesellschaftliche Entwicklung nach sich ziehen.

Die Frage wird sein, ob auf der Waagschale Vor- oder Nachteile überwiegen.

Waage / Source: Pixabay/Succo
Halten sich Vor -und Nachteile von «Uber in der Pflege» die Waage? (Bild: Pixabay/Succo)

Plattformbetreiber versprechen beispielsweise folgende Vorteile:

  • Die Plattform hat ein spezifisches Auswahlverfahren und vermittelt qualifiziertes Personal.
  • Die Auswahl der empfohlenen Betreuungspersonen geschieht anhand individueller Bedürfnisse und eines persönlichen Profils («passende» Person).
  • Auch kurzfristig kann eine Betreuungsperson für Angehörige organisiert werden (Flexibilität).
  • Es können immer die gleichen Personen anfragt werden. Dadurch wird eine Kontinuität der Betreuung angestrebt.
  • Bei Bedarf kann auch Hilfsmaterial wie Inkontinenzeinlagen über die Plattform bezogen werden.
  • Betreuungspersonen können direkt über die Website bewertet werden. Beurteilungen von anderen Usern sind ebenfalls sichtbar.
  • Die Plattform bietet günstigere Preise als andere professionelle Anbieter.
  • Die Bezahlung wird einfach über die Plattform abgewickelt.

Aber auch potenzielle Risiken dürfen nicht vergessen werden. Aus den Diskussionen rund um Airbnb und Uber wissen wir:

  • Rechtsstreitigkeiten werden immer wieder auf nationaler und kommunaler Ebene ausgefochten. Dabei handelt es sich meist um Themen rund um Arbeitsschutz, Entlöhnung, Fragen der Versicherung und Haftung und Sozialabgaben (Kuhn 2016).
  • Für Plattformen im Pflegebereich kommen zusätzlich Risiken und Fragen in Bezug auf Datenschutz, Versicherung im Unglücksfall, Rating und Tracking hinzu (Schmidt 2017).

Nächste Schritte

Die Entwicklung der Plattform-Ökonomien ist nicht aufzuhalten. Zudem sind Begleitung, Betreuung und Pflege in ihrer heutigen Form auf Dauer nicht sichergestellt. Auch können die heutigen Leistungserbringer den Bedürfnissen der Betroffenen nicht mehr gerecht werden (GDI Gottlieb Duttweiler Institute 2016). Daher ist es nur umso dringlicher, nach neuen Lösungswegen zu suchen.

Um Risiken vorzubeugen, sollten aber bereits jetzt einige Fragen diskutiert werden (Otto et al. 2017)

  • Stellen solche Plattform-Anbieter eine Konkurrenz zu bereits bestehenden Angeboten dar (z.B. Spitex oder Freiwilligenarbeit)? Oder handelt es sich um ein Nischenprodukt oder gar um eine Ergänzung?
  • Häufig berechnen die Plattformbetreiber erhebliche Gebühren. Was bedeutet das gerade im Sozial- und Pflegesektor, in dem es an so vielen Stellen an Geld fehlt?
  • Pflege und Betreuung weisen heute hohe Standards und qualitätssichernde Begleitmassnahmen auf. Wie kann eine entsprechende Qualität auch bei Plattformbetreibern sichergestellt werden? Und was bräuchte es dazu?
  • Was können wir von digitalen Vermittlungsplattformen lernen (z.B. im Hinblick auf bessere Organisation, Patient/innen- und Angehörigenzentrierung, Flexibilität)?
  • Welche Regeln, Kontrollen und gesetzliche Rahmen brauchen solche Plattformen, um die Sicherheit für Hilfesuchende und Arbeitnehmende gewährleisten zu können?

Abschliessende Antworten auf diese Fragen gibt es noch nicht. Aber sie sollten dringend diskutiert werden. Nicht zuletzt, um eine Eskalation der Situation (wie bei «Airbnb» und vor allem bei «Uber») zu vermeiden. Denn es geht hier um ein sensibles Gut: die Betreuung und Pflege von Menschen.

Frühzeitige Entscheidungen und Regulierungen könnten zur Sicherheit der betreuten Personen und der Arbeitnehmenden beitragen. Offen sind zentrale Fragen: Haben Plattformen à la «Uber» wirklich das Potenzial, genau solche Lösungen anzubieten? Und falls ja, wie müssten sie ausgestaltet werden?

Abendveranstaltung: «Das Uber- und Airbnb-Prinzip» – Erobert es die Pflege?

Eine Möglichkeit zur Diskussion bietet die Abendveranstaltung: «Das Uber- und Airbnb-Prinzip» – Erobert es die Pflege? am 21.6.2017, Careum Weiterbildung, Mühlemattstrasse 42, Aarau.

Weitere Informationen und Anmeldung hier.

Diskutieren Sie mit!

  • Würden Sie auf Dienstleistungen wie «Uber in der Pflege» zurückgreifen? In welchen Situationen?
  • Welche Vor- und Nachteile sehen Sie für Patienten oder das vermittelte Pflegepersonal?
  • Wie könnten solche Anbieter so in den Versorgungsalltag integriert werden, dass auch die Qualität gewährleistet ist?
  • Was erwarten Sie angesichts dieser Entwicklungen von der Forschung?

Weiterführende Literatur

  • Otto, U., Hegedüs, A., Kofler, A., & Kunze, C. (2017). Uber in der Pflege?: Plattformen mit Dienstleistungen in der Pflege und Betreuung. Krankenpflege, (3), 14–16. PDF mit freundlicher Genehmigung des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK – ASI
  • Otto, U., Hegedüs, A., Kaspar, H., Kofler, A., & Kunze, C. (2017, im Erscheinen). Pflege und Betreuung à la Uber und Airbnb – darf über Plattformen pflegen, wer will? In I. Hämmerle & G. Kempter (Hrsg.), Umgebungsunterstütztes Leben. Beiträge zum Usability Day XV. Lengerich, Westfalen: Pabst Science Publishers.

Anna Hegedüs

Anna Hegedüs, Mag. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Careum Forschung und promoviert in Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle – Wittenberg (D). Forschungsinteressen: Patientenbeteiligung, psychische Gesundheit, Älter werden im Quartier und Privathaushalt.

2 thoughts on “Uber in der Pflege

  • 2017-05-24 at 06:42
    Permalink

    Liebe Frau Hegedüs

    Das ist wirklich ein interessanter Beitrag. Dabei kamen mir halt einfach noch so ein paar Dinge in den Sinn welche wir mit den DIGITAL MARKETPLACES (z.B. Airbnb, Amazon, etc.) uns überlegen müssen.

    1. In der E-Commerce-Welt haben die Richtlinien und AGB der Global-Players still und leise die alten Gesetze ersetzt. Wenn diese Internationalisierung auch im Pflegewesen stattfindet, d.h. digitale Plattformen international tätig sind, ist dies sicherlich auch hier der Fall.

    2. Airb2b, Uber, Amazon und Co sind Legislative, Judikative und Exekutive in einer Gestalt. Der Traum eines jeden Diktators.
    Wenn Kunden reklamieren muss der Lieferant oder die Pflegefachperson – in unserem Falle hier – erst einmal beweisen, dass alles in Ordnung ist = keine Fehler gemacht.
    Wenn die vorgebrachten Erklärungen jedoch den Plattform Betreiber nicht zufrieden stellen, ist man Weg vom Fenster.
    Null Verkauf … der Shop oder mein Angebot als Pflegefachfrau wird vom Betreiber abgeschaltet. Ein Recht auf Rekurs beim Ombudsman oder vor Gericht habe ich laut AGBs nicht !
    ==> So beschreiben das die Anwälte: http://www.infodocc.info/der-ominoese-amazon-massnahmeplan/

    3. 2018 EU Datenschutz Richtlinien und e-Privacy Verordnung
    Wie diese genau von den Plattformen im Bereich Gesundheit umgesetzt wird, ist sicherlich eine Herausforderung für die Plattformbetreiber wie uns alle.
    Wie werden die Daten geschützt?
    Inwieweit wird die Nutzung der Daten von diesen Plattformen für Werbung (z.B. von der Pharma Industrie oder Unternehmen der Medizintechnik) angepasst?
    ==> Marketing Experten sehen hier einige Probleme auf uns zukommen: http://blog.drkpi.de/dsgvo-eprivacy-auswirkungen-1/

    Toller Beitrag, danke. Ich bin natürlich gespannt wie sich das Thema weiter entwickeln wird.

    Grüessli
    Urs
    #DrKPI #MCLago

    Reply
  • 2017-05-30 at 10:32
    Permalink

    Lieber Herr Gattiker

    Vielen Dank für Ihre wertvollen Hinweise zu den Punkten, die beim Thema „Pflegen über digitale Plattformen“ unbedingt noch diskutiert und festgelegt werden müssen und auch Ihren weiterführenden Links. Besonders spannend finde ich den Beitrag zu “Recht auf Rekurs”. Das ist ein wichtiges Thema, das unbedingt sichergestellt werden muss. In welcher Form dies möglich ist, wäre sicherlich noch zu bestimmen. Haben Sie vielleicht Vorschläge, wer bzw. welche Berufsgruppen ein einem solchen Vorhaben einbezogen werden müsste?

    Das Thema Datenschutz ist ebenfalls immer wieder präsent. Unsicherheiten bei der Bevölkerung bestehen auch im Hinblick auf das elektronische Patientendossier (wie wir bereits in einem anderen Blogbeitrag berichtet haben: Meine Gesundheitsdaten online: Was tun?) – das ja in ähnlicher Weise sensiblen Personendaten speichern und nur bestimmten Personen Zugriff ermöglichen soll. In diesem Zusammenhang ist die Sicherstellung vertrauenswürdiger und sicherer Software, entsprechenden gesetzlichen Grundlagen und – nicht zu vergessen – der Aufklärung und Information der Bevölkerung/potentiellen Nutzenden nötig.

    Wie so oft, könnte man vermutlich vielen Nutzerinnen und Nutzern einiges an Mühe/Ärger oder Unsicherheiten ersparen, wenn diese Themen rechtzeitig auf politischer und juristischer Ebene diskutiert werden. Die Digitalisierung ist dieser Diskussion jedoch schon weit voraus!

    Beste Grüsse
    Anna Hegedüs

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