Gesundheitliche Chancengleichheit durch Förderung des Selbstmanagements?!

Dies ist ein weiterer Blogeintrag in unser Serie: Reflections Careum Congress 2014.

Die Themenvielfalt am Careum Congress war sehr gross und bot für jeden Gast etwas Interessantes. So zeigten etwa die verschiedenen Beiträge zum Chronic Disease Self-Management Program CDSMP, von welchen Stärken des Programms die Menschen in unterschiedlichen Ländern profitieren und mit welchen Herausforderungen sie sich bei der Umsetzung konfrontiert sehen (siehe auch den Beitrag von Diane Levine-Zamir in diesem Blog).

Zugang für Menschen mit Migrationshintergrund

Ein Aspekt, der in Studien international vermehrt Beachtung erhält, ist der Zugang zum CDSMP für Menschen mit Migrationshintergrund, die aus einem anderen sprachlichen und kulturellen Kontext kommen als die Gesellschaft, wo sie jetzt leben und das CDSMP angeboten wird. Neben der ressourcenintensiven Möglichkeit, die Materialien in einzelne Fremdsprachen zu übersetzen und sie kultursensitiv zu adaptieren, ist auch die Möglichkeit denkbar, das bestehende Programm mit den entsprechenden Materialien für jene Migranten und Migrantinnen anzubieten, welche über gute Grundkenntnisse der lokalen Sprache verfügen.

Erste Erfahrungen mit dem Stanford Modell in der Schweiz

So legen beispielsweise erste Erfahrungen von Teilnehmerinnen und Umsetzenden in der Schweiz nahe, dass das CDSMP bzw. Evivo die Gesundheitskompetenz von Frauen mit Migrationshintergrund stärken kann. Vermutlich leben in der Schweiz ca. 500‘000 Migranten und Migrantinnen mit chronischer Krankheit. Häufig verfügen sie über geringe Gesundheitskompetenz und haben aufgrund von Sprachschwierigkeiten und Informationslücken einen erschwerten Zugang zu adäquaten Gesundheitsleistungen.

Die Evivo Pionier Partner SaluToMed und dialog gesundheit Schweiz wollten deshalb zusammen mit Careum während der frühen Umsetzungsphase von Evivo in der Deutschschweiz herausfinden, ob und wie das jetzige Evivo Kursprogramm auch für Frauen mit einem anderen kulturellen und sprachlichen Hintergrund durchführbar und von Nutzen ist.

Positive Resonanz und Herausforderungen

Nach dem ersten Pilotkurs, der bei den Teilnehmerinnen auf positive Resonanz stiess, liessen sich bei den genannten Pionier Partnern drei Frauen zu Evivo Kursleiterinnen ausbilden. Damit nehmen sie als Kursleitungen von Evivo Kursen eine doppelte «Peer»-Rolle ein: einerseits als Personen, die selbst mit chronischer Krankheit leben, und andererseits als Frauen mit Migrationshintergrund.

Die Erfahrungen aus drei Pilotkursen zeigen, dass das Kursprogramm bei den Teilnehmerinnen grundsätzlich gut ankommt. Im Austausch miteinander lernen sie viel Wissenswertes und Praktisches über das Leben mit chronischer Krankheit und die Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Grössere Herausforderungen bestehen im Zeitmanagement und in der Sprache. Der Kurs ist sprachlich anspruchsvoll, dient zugleich aber als Lern- und Übungsfeld für Deutsch als Fremdsprache. Einzelne Teilnehmerinnen können von einer Flüsterübersetzung durch gleichsprachige Kolleginnen profitieren.

Bringen die Kursleiterinnen gewisse transkulturelle Kompetenz mit und leiten den Kurs in einfacher Sprache, so hat Evivo das Potenzial, für Migrantinnen mit soliden deutschen Grundkenntnissen einen Beitrag zur gesundheitlichen Chancengleichheit zu leisten.

Was sind Ihre Erfahrungen? Wo sehen Sie Potenziale – und wo liegen die Risiken? Freue mich über Ihre Kommentare und Anregungen!

Sylvie Zanoni

Sylvie Zanoni, M.A.; Wissenschaftliche Mitarbeiterin Careum Forschung. Als Ethnologin interessieren mich gesundheitliche Chancengerechtigkeit und Migrationsthemen.

7 thoughts on “Gesundheitliche Chancengleichheit durch Förderung des Selbstmanagements?!

  • 2014-08-20 at 10:55
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    Liebe Sylvie, vielen herzlichen Dank für deine Gedanken zu Chancengleichheit, Selbstmanagementförderung und Empowerment!

    Deine Ausführungen zu den sprachlichen Herausforderungen beim Selbstmanagementprogramm Evivo scheinen zwar Erfahrungen zu bestätigen, dass gerade die Kommunikation aufgrund der sprachliche sowie soziokulturellen Unterschiede eine grosse Hürde bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen ist. Gleichzeitig stimmt es zuversichtlich, dass mit so einem Angebot ein positives Lernumfeld geschaffen werden kann, das ein Empowerment von Menschen mit Migrationshintergrund möglich macht.

    Übrigens gibt es aktuell spannende Möglichkeiten für Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen, sich transkulturelle Kompetenzen anzueignen. Das Bundesamt für Gesundheit hat eine Online-Weiterbildung zu Migration und Gesundheit freigeschaltet: http://elearning-iq.ch/

    Ein niedrigschwelliger Weg für das Empowerment von Fachpersonen…

    Beste Grüsse, Jörg

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    • 2014-09-04 at 12:40
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      Lieber Jörg,
      Ich danke Dir für Deine interessanten Überlegungen zum Blog-Beitrag.

      In der Tat ist es wünschenswert, dieses Lernumfeld noch intensiver zu nutzen bzw. überhaupt einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei sollte auch ausgelotet werden, was den Mehrwert von Evivo für Menschen mit geringer

      Gesundheitskompetenz denn genau ausmacht. Welche Erfahrungen wurden anderswo mit dem CDSMP für Menschen mit Migrationshintergrund gemacht?
      Oder wie erreicht man damit benachteiligte und/oder schwer zugängliche Zielgruppen?

      Das würde mich sehr interessieren.

      Liebe Grüsse, Sylvie

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      • 2015-01-19 at 20:45
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        Liebe Sylvie,

        auf deine Frage möchte ich nachträglich noch ein Beispiel nachreichen. Auch wenn der folgende Videobeitrag es nicht unmittelbar so benennt, werden bei der dortigen Umsetzung des CDSMP sicher auch soziale Ungleichheitsthemen adressiert: http://youtu.be/rQ-tFfblx-s

        Beste Grüsse, Jörg

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  • 2014-10-06 at 03:58
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    Liebe Sylvie, lieber Jürg;
    Das EVIVO Selbstmanagementprogramm zeigt beim Menschen mit Migrationshintergrund ein unerwartet hohes Interesse. In den bisherigen Kursen hatten wir den Eindruck, dass oft “key persons” mitwirkten. Sie haben sehr grosses Interesse das Wissen in ihrem persönlichen Umfeld weiterzugeben.
    Gleichzeitig sind sie interessiert mit EVIVO auch ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.
    dialog-gesundheit hat in den letzten Jahren immer wieder erfahren, welch ungeahnte und – leider – wenig genutzte Möglichkeiten die echte Partizipation der Betroffenen hat. In unserem Netzwerk werden die Verbindungen zum Bildungswesen immer klarer. Hier besteht ein grosser Handlungsbedarf.
    Einerseits Verbindung von top-down Projektdenken, wo das Geld meist nach 2-5 Jahren ausgeht, mit den buttom-up Prozessen, wo die persönliche Betroffenheit Engagement und intrinsische Motivation die fehlenden finanziellen Ressourcen lange Zeit aufwiegt (Freiwilligenarbeit).
    Andererseits die Verbindung von Bildungs- und Gesundheitswesen, wie wir das kommunal versuchen (Drehscheibe Gesundheit, KARIBU). In einem permanenten Dialog wird dann Empowerment bis zu sozialen und politischen Veränderungen möglich.
    Michael Deppeler, dialog-gesundheit Schweiz, Hausarzt.

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    • 2014-10-16 at 16:47
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      Lieber Michael,
      Vielen Dank für Deinen interessanten Beitrag!
      Ich denke, dass durch dieses Programm zur Selbstmanagementförderung ein Prozess bei Menschen in einer Gruppe angestossen wird, der Wellen weit über das Kursgeschehen hinaus schlagen kann.
      Ich finde es eindrücklich, welche Motivation und Energie immer wieder zu spüren ist. Das ermutigt und macht Hoffnung, dass diese Wellen noch unbekannte Ufer zu erreichen vermögen. So dass nicht nur die Nutzerseite der Gesundheitsversorgung, sondern auch die Anbieterseite im Gesundheits- und ebenso im Sozial- und Bildungswesen davon berührt und bewegt wird und sich dann entsprechend der Perspektive, Bedürfnisse und Mitwirkung der Nutzer/innen weiterentwickelt – mit ihnen zusammen!
      Ich glaube, es lohnt sich, mit langem Atem da dranzubleiben.
      Liebe Grüsse,
      Sylvie

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