Bürgerorientierte Gesundheit

Der Diskurs um Gerechtigkeit und Demokratie manifestiert sich im 21. Jahrhundert auch in Europa wieder an der Gesundheit. Die Wohlfahrtsstaaten Europas haben den universellen Zugang zum Gesundheitswesen – unabhängig vom Einkommen und persönlichem Krankheitsrisiko – zu ihren politischen und sozialen Grundprinzipien erhoben. Dies gilt weltweit als grosse Errungenschaft und wird auch für andere Länder angestrebt.

Zugleich aber wird immer deutlicher, dass neuere ökonomische Entwicklungen einen Druck auf die im internationalen Vergleich hohen Sozialschutzniveaus der Europäischen Union ausüben. Die Krise betrifft nicht nur die Finanzierung der Gesundheitsversorgung sondern wirkt insbesondere auf die Gesundheitsdeterminanten. Dies zeigen die Erkenntnisse aus den Ländern, die derzeit strengen Sparmassnahmen unterworfen sind.

Schlagwörter: Bürger, Patientbildung, Patient Empowerment, Sozialmodell

Gesundheitsdiskurs  im europäischen Sozialmodell

Gesundheit wird dort nachhaltig hergestellt wo Menschen leben, lernen und arbeiten (Ottawa Charter 1986) – damit verbindet sich der Gesundheitsdiskurs mit den tiefer liegenden Fragen nach dem europäischen Sozialmodell, den Lebensweisen der Moderne und den Lebenschancen einzelner Bevölkerungsgruppen. Es hat sich aber gleichzeitig ein umfassenderes und expansives Gesundheitsverständnis entwickelt, das die Frage nach dem Zugang zur Gesundheit mit neuen Formen individueller Selbstbestimmung sowie mit sozialer und politischer Teilhabe verbindet.

Dementsprechend lassen sich im derzeitigen Gesundheitsdiskurs unterschiedliche Werteverständnisse und Demokratieauffassungen nachverfolgen –  diese verknüpfen vielfältige historische Einflüsse, die weiterhin in jeder Diskussion mitschwingen. Dazu gehören die Philosophie der Aufklärung, die Forderungen der Arbeiterbewegung, die christliche Soziallehre und die im 19. Jahrhundert entwickelten Sozialmedizin.  Der Philosoph Axel Honneth hat darauf hingewiesen, dass ein Bereich sozialer Reproduktion dann erhöhte Bedeutung erlangt, wenn er zur Sicherung und Verwirklichung von den in der Moderne massgeblich institutionalisierten Werten beiträgt. Das trifft sicherlich verstärkt auf den gesellschaftlichen Handlungsbereich der Gesundheit zu. Gesundheit ist immer auch politisch.

Gesundheitswerte in Europa 

In der Gesundheit verbinden sich in Europa die traditionell verankerten Werte wie Sicherheit und Solidarität mit Anspruchsrechten auf Schutz und Versorgung und neuerdings mit modernen Werten wie Selbstbestimmung und Autonomie. Konfliktpositionen ergeben sich stets von neuem in der Auseinandersetzung um den Freiheitsbegriff und die Balance zwischen Eigenverantwortung und Staatsaufgabe.

Ich habe diese Dynamik und ihre Widersprüchlichkeiten als «Gesundheitsgesellschaft» bezeichnet und als Ausdruck der dritten Gesundheitsrevolution analysiert. Hier gilt es festzuhalten dass die Interessenlagen und Erwartungen der Bürger sich nicht länger nur auf den Zugang zu Gesundheitsleistungen und «mehr» Versorgung beziehen, sondern auf die Machtdynamik innerhalb des Gesundheitssystems, auf soziales Empfinden von Gerechtigkeit  und auf Massnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung, z.B. gesunde Lebensmittel oder Stress am Arbeitsplatz. Insbesondere wollen Menschen vermehrt in ihrer Individualität akzeptiert und an Entscheidungen beteiligt werden. Dies auch politisch und organisatorisch nachzuvollziehen wäre Aufgabe einer bürgerorientierten Gesundheitspolitik. Einen Bezugsrahmen bietet auch die Diskussion um das Leitbild der Bürgergesellschaft.

Demokratietheoretische Konzepte im Gesundheitsdiskurs

Im aktuellen Gesundheitsdiskurs spiegeln und überschneiden sich auch unterschiedliche demokratietheoretische Konzepte: besonderen Einfluss in der Public Health Diskussion haben zum einen Theorien der sozialen Demokratie,  welche den Partizipationsgedanken fest mit dem Gerechtigkeitsdiskurs verknüpfen. Zum anderen haben dies auch beteiligungszentrierte Demokratietheorien, welche die Partizipation der Bürger ins Zentrum stellen und darauf ausgerichtet sind, durch den Prozess der Partizipation die Selbstentfaltungs- und Selbstbestimmungschancen zu maximieren.  Sie stehen in der Auseinandersetzung mit den klassisch-liberalen Freiheits- und Abwehrrechten, die besonders Angesichts gesundheitsbezogener Regulierungen – z.B. Tabakverbote – den Freiheitsraum des Individuums gegenüber dem Staat verteidigen, dabei meist aber dem Markt mehr Einfluss auf Konsumentscheidungen ermöglichen. Einem zukunftsfähigen Konzept der bürgerorientierten Gesundheit muss es gelingen die Dynamik  zwischen diesen Wertebestimmungen zu verdeutlichen.

Author: Prof. Dr. Ilona Kickbusch Stiftungsrätin, Mitglied Leitender Ausschuss, Careum Stiftung
Schweiz

Dieser Blogbeitrag ist ein leicht überarbeiteter Auszug aus dem Kapitel: Bürgerorientierte Gesundheit: ein Kommentar von Ilona Kickbusch in: Rolf Rosenbrock und Susanne Hartung (Hrsg.) Handbuch Partizipation und Gesundheit. Verlag Hans Huber Verlag Bern 2012.

Demnächst erscheint im Huber Verlag die zweite Auflage des Buches von Ilona Kickbusch «Die Gesundheitsgesellschaft»

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